Sonntag, 17. April 2022
An der Kasse
"Da fehlen 20 Cent!" Die Kassiererin streckt der Frau mit dem unruhigen Kleinkind im Einkaufswagen ihre Hand entgegen. Zwischen den Fingern hält sie einen Zehn-Euro-Schein, auf der Handfläche liegen abgezählte Münzen. Über das Gesicht der Angesprochenen breitet sich Röte aus. Wie kann das sein? Sie hat während des Einsammelns der Waren doch die Beträge im Kopf addiert. Aufgerundet, damit die Rechnung am Ende aufgeht. Das Kind beginnt zu weinen. Der Blick der Frau wandert zwischen Kind und Kassiererin hin und her. Die Geldbörse zu befragen macht keinen Sinn. Sie weiß, dass darin nur noch 5 Cent sind. Dennoch öffnet sie sie, entnimmt die kleine rote Münze und hält sie der Frau an der Kasse entgegen.

Die schüttelt stumm den Kopf. Der Mann in der Warteschlange hinter dem weinenden Kind rollt die Augen: "Dann zahlen sie halt mit Karte!" Den irritierten Blick der jungen Mutter versteht er nicht. Das Weinen des Kindes steigert sich zu einem lauten Schluchzen. Die Kassiererin schlägt vor, dass eine der Waren im Geschäft bleibt. Während die Mutter noch überlegt, was sie entbehren könnte, nähert sich eine alte Frau aus der Warteschlange. "Wieviel fehlt denn?" ? "15 Cent." Die alte Dame öffnet ihr Portemonnaie, entnimmt ihm einen 5-Euro-Schein, reicht ihn der Kassiererin und sagt, an die junge Frau gewandt: "Das kann jedem mal passieren, dass er das Bargeld Zuhause vergisst."

Erleichterung ist der jungen Mutter ins Gesicht geschrieben. Sie hätte nicht gewusst, welchen Artikel sie entbehren könnte. Hastig packt sie ihren Einkauf ein. Die Kassiererin will der alten Dame das Wechselgeld geben, doch die winkt ab. "Geben sie es der jungen Frau. Ich habe eine gute Rente." Die junge Mutter will abwehren, aber das lässt die Alte nicht zu. Der augenrollende Mann schnauft. Fragt genervt, ob es endlich weitergehe. Das Kind hat sich beruhigt. Die junge Frau mit dem Mangel an Kleingeld lässt das Wechselgeld in ihre Geldbörse fallen. Sie schenkt der alten Frau einen dankbaren Blick. Nun kann sie doch noch Windeln für ihr Kind kaufen. Die werden bis zum Monatsende reichen.

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Mittwoch, 13. April 2022
Nebenan
Sie sitzt da mit steinerner Miene. Die Lippen fest aufeinander gepresst, der Blick kalt auf die Frau gerichtet, die gerade das Haus betreten will. Ihr Mund öffnet sich und heraus kommt ein Schreien, das sich selbst überschlägt: "Du alte Drecksau! Geh dahin, wo du hergekommen bist!"

Die so Angeschriene durchfährt ein kaum sichtbares Zucken. Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet die Haustür und schlüpft hindurch. Hinter ihr fällt die Tür zu.

Die Alte mit der kreischenden Stimme wendet sich ihrer Sitznachbarin zu, einer übergewichtigen Frau mit winzigem, weißen Hund: "Die gehört doch in die Psychiatrie!" Die Dicke nickt. "Wenn die Anner sie nicht rausgeholt hätte ..." Erneut ein zustimmendes Nicken der Frau mit Hund. Dann Schweigen.

Nach einer kurzen Weile öffnet die Alte wieder den Mund. Zuerst ist es nur ein Flüstern. Doch das Thema hat sie gepackt und langsam steigert sie sich hinein. Die Stimme wird lauter, keifend. Es geht um die Drecksausländer. Das Pack, das hier Allen alles wegnimmt. Kein Geld für Rente, aber denen wird alles bezahlt. Alles! Die Alte kriegt sich kaum noch ein. Die Dicke wirft ab und an ein zustimmendes "Da haste Recht" in die Hasstirade.

Ein Nachbar kommt aus dem Haus. Gesellt sich zu den Beiden, die auf der Bank neben der Eingangstür hocken. Seinen unverfänglichen Gruß durchbricht die Alte mit einem Schwall böser Worte über das Unrecht, das ihr und uns widerfährt. "Wir hatten damals auch nix. Die sollen in ihr Land gehen und des aufbauen."

Plötzlich wechselt sie das Thema und zieht über die andere Nachbarin her, die so viel Müll produziert, weil sie als einzige mit zwei Personen in einer Wohnung lebt. "Die sollte mehr bezahlen." Überhaupt ist sie nicht gut auf diese Frau zu sprechen, denn das ist eine von denen, die den Scheiß von der Tafel fressen. Wie die Anner, mit ihrem Drecksbalg, der Missgeburt, die auch mal hier gewohnt hat. Damals, in der Flüchtlingswelle.

Die Frau, die in die Psychiatrie gehört, ist übrigens stinkefaul. Und die Freundin des Sohnes der Alten ist ein Dusseltier: "Da kommt se wieder, die dumm' Nuss!" Die so Betitelte nähert sich, grüßt und geht ins Haus. Verfolgt von einem Flüstern.

Der Nachbar ist inzwischen seiner Wege gegangen. Eine andere Nachbarin hat sich dazu gesellt und auf dem Stuhl neben der Bank Platz genommen. Die Stimme wird lauter: "... dann kriegt se von mir eine geknallt!" Wen hat sie jetzt auf dem Kieker? Die Frau mit dem alten Hund, die vier mal am Tag mit dem Aufzug hoch und runter fährt, um Gassi zu gehen? Möglicherweise geht es aber auch um die Frau, die schwer, schwer Probleme hat und dauernd auf den Friedhof rennt.

Auf einmal fällt ihr ein, was ihr der Sohn, der mal irgendwann irgendwas von einem Neger gelernt hat, kürzlich zugetragen hat. Der Flüchtling, der früher hier gewohnt hat, verbreitet im Ort, das in diesem Haus unsoziale Menschen leben. Ein Flüchtling! Das Arschloch.

Die andere Alte, die schon sehr gebrechlich ist, ist eine Trinkerin und wahrscheinlich nur deswegen damals gestürzt. Da kann sie sagen, was sie will. Und die, aus deren Wohnung es die letzte Zeit immer so gestunken hat, hat schon wieder gelogen. Gemeinsam mit ihrer Sitznachbarin auf der Bank rechnet die Alte nach, wieviele Tabletten deren Hund genommen hat und stellt fest, dass da noch kein neues Rezept nötig gewesen wäre.

Die kleine Frau, die auf dem Stuhl Platz genommen hatte, nickt alles ab, was die Alte von sich gibt. Die Dicke daneben bestärkt sie in ihren Ansichten, Vorurteilen und Tiraden mit ergänzenden Worten.

Bis in die Abenddämmerung sitzen sie vor der Tür. Lassen kein gutes Haar an jedem, der vorbei kommt, hier einmal gewohnt hat oder im Haus lebt. Erst als es zu dunkel wird, packen sie ihre Sachen zusammen und verschwinden nach oben. Bis morgen. Dann geht das Gezeter, das Schimpfen und Hassen von vorne los.

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Montag, 11. April 2022
Begegnung im Dunkeln
Wenn dein Körper langsam in Bewegung gerät und du um dich herum eine leise Wärme spürst, ist es Zeit, aufzuwachen. Du reckst dich, streckst dich, entrollst dich in ganzer Länge und machst dich auf den Weg.

Das erste Futter des Jahres liegt außerhalb deiner Wohnhöhle und du stellst fest, dass sich der Boden um dich herum in den Monaten der Winterstarre verändert hat. Er ist feuchter als im vergangenen Herbst. Das macht es dir ein wenig leichter, dich voran zu bewegen.

Klebrig geht es voran. Klebrig und schleimig. Es kostet dich Kraft, dich so ganz ohne Nahrung durch das Erdreich zu bohren, denn vor dir hat sich der Boden verdichtet und du spürst mit jeder Zelle deiner Haut, dass dich etwas Hartes, Undurchdringliches umgibt.

Plötzlich stößt du gegen einen Stein und dein vorderes Körperende erschrickt. Du zuckst zusammen. So verkürzt legst du den Rückwärtsgang ein, versuchst an anderer Stelle vorwärts zu kommen. Doch irgendwas ist anders. Du verstehst es noch nicht, denn du spürst die Nahrung, die dich umgibt übergenau.

Jedes kleinste Pflanzenteilchen, ja sogar Bakterien und Pilzsporen kann deine Haut nun unterscheiden. Vorsichtig durchwanderst du den Boden, der dir Nahrung, Halt und Wohnstatt gibt und lauschst nach draußen. Doch da ist nichts. Kein Laut dringt zu dir herab.

Das Erdreich um dich herum wird immer feuchter. Nass. So sehr kannst du dich doch gar nicht verlaufen haben, dass du in sumpfiges Gelände abgeglitten bist. Nur ein starker Regen vermag dieses schwere Gefühl auszulösen. Warum hörst du ihn nicht?

Langsam, sehr langsam, schiebst du dich voran. Immer mehr Nässe umgibt dich und du weißt aus Erfahrung, dass ein starker Schauer nötig ist, um eine derartige Situation hervorzurufen.

In deinen Gedanken steigt Verzweiflung auf. Wenn du das Fallen der Regentropfen nicht mehr hören kannst, wirst du auch IHN nicht hören. Deinen ärgsten Feind. Den, der dir nach dem Leben trachtet.

Doch du musst fressen. Musst Vorräte anlegen und Keimlinge und Blätter zu dir herab ins Erdreich ziehen, willst du nicht Hungers sterben.

Die Schrecksekunde ist vorbei. Du gräbst dich weiter voran. Spürst jeden Krümel, jedes einzellige Wesen dieses Bodens und weißt, dass du mit jedem Meter vorwärts Nahrung in dich aufnimmst. EINEN wirst du erst ertasten, wenn es zu spät ist. Dieser Eine wird dein Schicksal besiegeln. Du weißt nicht wann, du weißt nicht wo. Doch die Zeit wird kommen.

Bis dahin bleibt dir nur, dich vorsichtig tastend durch Kompost und Böden zu bewegen und darauf zu vertrauen, dass du Wege finden wirst, die vor dir liegenden Jahre ohne Gehör zu bestehen. Vielleicht, ganz vielleicht, lernst du mit der Zeit die Botenstoffe deines Feindes rechtzeitig zu erkennen und wirst fähig sein, einen großen Bogen um jeden Maulwurfsbau zu machen.

Gib dich nicht auf. Lerne und achte dein neues Talent.

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Sonntag, 10. April 2022
Fliegeralarm
Letzte Nacht hast Du Stunde um Stunde vertrödelt, weil Du nicht schlafen wolltest. Hast stumpfsinnig in die Glotze geschaut. Hast nebenbei gegessen, getrunken, irgendetwas Unsinniges aus Wolle fabriziert. Du warst auf Überlebensmodus geschaltet. Nichts denken. Nichts besonderes fühlen. Einfach irgendwie sein.

Die Nacht war still, da draußen. Bis auf die Fahrgeräusche der Autobahn kein Laut. Nord-Ostwind.

Am Abend hatte Dich das Thema Krieg in der Ukraine beschäftigt. Dein Kopf wollte leer werden. Leer sein. Das klappte ganz gut. Bis um ein Uhr. Da nähert sich mit dem Nord-Ostwind der Lärm von Motoren in der Luft. Ein Hubschrauber? Ein kleines Motorflugzeug?

Das Dröhnen wird lauter. Die Leere in Deinem Kopf weicht einem Schwarm ungreifbarer Gedanken. Dein Herz beginnt schneller zu klopfen. Der Flieger erreicht das Haus. Dir schießt durch den Kopf, dass so gut wie nie eine Maschine übers Haus fliegt. Schon gar nicht in der Nacht um Eins. Ist das ein Angriff? Werden nun auch hier, mitten in Deutschland, Bomben abgeworfen werden? Was macht der Flieger um diese Zeit hier in der Luft?

Vielleicht gab es einen Unfall auf der Autobahn und der Rettungshubschrauber eilt herbei. Während eine diffuse Angst in Dir aufsteigt, suchen Deine Gedanken weiter nach Erklärungen. Jetzt stoppen die Fluggeräusche. Nicht weit entfernt muss die Maschine gelandet sein. Ruhe. Für fünfzehn Minuten. Auch in Deinem Kopf.

Dann dröhnt es wieder in der Luft. Zurück in die andere Richtung. Schneller als auf dem Weg hin über Dein Haus verschwinden die Geräusche in der Nacht. Dein Puls beruhigt sich zögerlich. Neue Gedanken durchschießen Dein Gehirn und plötzlich steigt eine Erkenntnis herauf, die Dir Unbehagen bereitet. Dieser Zipfel eines Gedankens möchte erfasst werden. Will zu Ende gedacht, in seiner ganzen Mächtigkeit gefühlt werden.

Du weigerst dich. Zuerst. Doch jetzt tauchen Bilder vor Deinem geistigen Auge auf. Du siehst Deine Mutter, wie sie in den blauen Himmel schaut. Den Flugzeugen hinterher. Sie kennt jedes Modell. Jede Fluglinie. Ja, sie weiß von einigen Passagiermaschinen sogar woher sie kommen. Die 15-Uhr-Maschine aus Moskau. Die 13-Uhr-Maschine aus Gran Canaria. Du hast ihr wegen dieser Obsession sogar mal ein Flugzeug-Quartett zum Geburtstag geschenkt. Damals, als es noch kein Internet gab.

Deine Mutter war acht Jahre alt, als der Krieg beginnt. Bald werfen kleine, zweimotorige Flugzeuge Bomben über ihrem Heimatort ab. Jede Nacht Fliegeralarm. Dröhnende Motoren, die sich langsam nähern. Maschinen, die ihre zerstörerische Fracht abwerfen und Menschen töten. Deine Mutter ist neun Jahre alt.

Mit Fünfzig lebt sie in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. Sie kennt jedes Modell, das ihren Himmel kreuzt. Sie hat dem Schrecken ihrer Kindheit etwas entgegen gesetzt. Bei dieser Erkenntnis stockt Dir der Atem. Für einen kurzen Augenblick ist es, als wäre die Angst Deiner Mutter, in Deine Gene geschrieben, wieder erwacht. Grauen erfüllt Dich. Du bist neun Jahre alt und im Krieg.

Die flimmernden Bilder des Fernsehers holen Dich zurück in die Gegenwart. Der Krieg in Deinem Inneren flacht mit jedem bewussten Atemzug ab. Du bist in Sicherheit.

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