Mittwoch, 6. Juli 2022

Im Kopf
Er hatte es geahnt. Bereits letzte Woche war die Patientin fast vom Stuhl gesprungen. Ihre panische Angst vor jeglicher Form der Behandlung bereitete ihm Unbehagen. Er war Zahnarzt geworden, um eben nicht mit den Leuten diskutieren zu müssen. Sie sollten sich in seine Hände begeben und gut. Doch Frau K. war ein Spezialfall. Bei ihr war er gezwungen zu reden. Beruhigende Worte zu sagen und ihre genuschelten Nöte inhaltlich zu verstehen.

Die Stuhlassistentin reichte der Patientin einen Becher mit Mundwasser. Er griff zum Bohrer. Frau K. würde reagieren. Und plötzlich war es da. Dieses Pfeifen in seinem rechten Ohr. Ein hochfrequenter Ton, der selbst das Geräusch des Bohrers übertönen würde.

Frau K. öffnete den Mund. Die Helferin hängte ihr den Absaugschlauch in den Mundwinkel. Der Bohrer näherte sich dem zu behandelnden Zahn. Frau K. zuckte. Das Pfeifen in seinem Ohr wechselte nach links. Auf beiden Seiten Tinnitus? Das war neu. Frau K. griff nach seinem Kittel. Selbst die beruhigende Hand der Assistentin auf dem Unterarm der Patientin konnte diese aus der Panik geborene Handlung nicht verhindern.

Dr. Beck schaute die Helferin an. Er blickte Frau K. tief in die Augen und stellte den Bohrer zurück in die Halterung. "So geht das nicht, Frau K. Bitte lassen sie mich los." Erst in diesem Moment realisierte die Angesprochene ihr Tun, ließ den Kittel los und der Zahnarzt stand auf. Er wusste, dass er es jetzt tun musste. Andernfalls wäre sein Tag ein Tag mit geräuschvollem Kopf. Wortlos verließ er den Raum.

Im Pausenraum nebenan entledigte sich Dr. Beck der Handschuhe und chirurgischen Maske. Er schob den schweren Sessel von der Wand weg in die Mitte des Raumes und beugte sich hinunter. Sein Kopf berührte den Boden. Die Beine schlug er an der Wand hoch, stützte sich mit den Händen seitlich neben dem Kopf ab. Die Assistentin würde die Patientin beruhigen, soviel war sicher.

Blut strömte vermehrt in sein Innenohr. Atmen. Durchbluten lassen. Tief einatmen, langsam ausatmen. Ob er diesem Tinnitus jemals Herr werden würde? Langsam bezweifelte er das. Mit jedem angstbeladenen Patienten wurde es schlimmer. Seine Kopfunter-Aufenthalte im Pausenraum häuften sich in beunruhigender Weise. Ob er doch mal einen Spezialisten aufsuchen sollte? Atmen nicht vergessen. Das innere Ohr durchbluten lassen.

Allmählich schwächte sich das Pfeifen in seinem Kopf ab. Der Stress ließ nach. Noch eine Minute, dann wäre es geschafft. Dann würde er sich der Herausforderung der Patientin erneut stellen.

Als er langsam seine Füße zu Boden senkte, zum Stehen kam und sich aufrichtete, war das Pfeifen in seinen Ohren beinahe verschwunden. Er wusch seine Hände, streifte frische Handschuhe darüber, setzte die Maske auf und ging entschlossen zurück in den Behandlungsraum.

... Oriri

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