Montag, 6. Juni 2022
Nur mal eben schnell
Ich gebe ja zu, ich schau mir gerne Videos mit sogenannten Lifehacks an. Ab und zu ist wirklich ein interessanter Tipp dabei, der meinen Haushalt optimieren hilft. Letztens sah ich einen, in dem eine Zahnbürste verwendet wurde, um den Abfluss im Waschbecken zu reinigen. Nun, alte Zahnbürsten habe ich genug. Die sammle ich. Weil man damit Schuhe putzen oder Rillen von irgendwas reinigen kann. Also krame ich eine der abgelegten Bürsten raus und mache mich an den Abfluss des Waschbeckens. Der ist mir schon länger ein Dorn im Auge und ich will nicht schon wieder die chemische Keule einsetzen. Klappt auch ganz gut. Zusammen mit einem Putzmittel sehen die ersten zehn Zentimeter des Rohres schon recht manierlich aus. Wasser marsch und nachgespült!

Doch die Quittung kommt prompt. Das Wasser fliesst nicht ab! Nur mal eben schnell das Rohr mit der Zahnbürste reinigen? Leider nein. Ich habe den ganzen Schmodder nur nach unten geschoben und jetzt steht das dreckige Wasser mit Flöckchen sechs Zentimeter hoch im Waschbecken. Keine Chance, es abfließen zu lassen. Da hilft auch der Pümpel nicht. Es kommt, wie es kommen musste und was ich so dringend zu vermeiden gesucht habe: Ich muss den Siphon reinigen. Gibt es eine ekligere Angelegenheit? Für mich nicht.

Also erstmal die Ecke unter dem Waschbecken freiräumen. Gummihandschuhe anziehen und ein Eimerchen unter den Siphon stellen. Brauche ich eine Rohrzange? Hoffentlich nicht. Es gibt so Spezialisten, die alle Verschlüsse extrafest zuschrauben, um Frauen zur Verzweiflung zu bringen. Ich habe Glück. Die Überwurfmuttern lassen sich super leicht abschrauben. Der Eimer steht bereit, ein Putzlappen ist in der Nähe. Vorsichtig ruckle ich am senkrechten Ablaufrohr. Auch das waagerechte Rohr, das in die Muffe in der Wand mündet, lässt sich recht leicht bewegen. Gut so. Jetzt kommt der Moment, wo das schmodderige Wasser aus dem Waschbecken in den Eimer fließen soll.

Ich ziehe das senkrechte Rohr nach unten und ein Schwall Wasser-mit-Bröckchen formt sich zu einer Halbkugel mit 50 Zentimetern Durchmesser, die wie ein Pilzhut geformt, alles beregnet, was sich in ihrem Dunstkreis befindet. Die Wände, der Boden, der Teppich vor dem Becken, meine Beine, die Arme und das Shirt. So schnell kann ich gar nicht reagieren, wie ich nass werde. Erschrocken schiebe ich das Rohr wieder hinauf, versuche es ein zweites Mal. Es ist noch genug Wasser im Becken, um erneut einen Wasserpilzhut zu produzieren und mich jetzt bis auf die Haut zu durchnässen.

Schmuddelwasser fließt unter den Badezimmerschrank, füllt den Teppich auf dem ich kniee. Okay, den wollte ich sowieso die Tage in die Waschmaschine stecken. Zum Glück habe ich noch meine Ich-häng-ein-bisschen-rum-Klamotten an. Die kommen dann halt auch in die Maschine. Jetzt heißt es erstmal, den Boden aufzuwischen. Gut, dass ich die Handschuhe schon angezogen habe. Schmuddelwasser mit Staubflocken aus den Ecken und unter dem Schrank aufwischen - so habe ich mir mein Feiertagsprogramm eigentlich nicht vorgestellt.

Der Siphon ist abgeschraubt, in drei Teile zerlegt und im Waschbecken abgelegt. Glücklicherweise riecht er nicht. Da hat die chemische Keule vor einigen Monaten wohl doch etwas bewirkt. Ich spüle die Teile schon mal durch. Das Eimerchen ist voll. Der Inhalt wandert platschend in die Toilette, bevor es seinen Platz unter dem offenen Abfluss wieder einnimmt. Nun folgt der unangenehmste Teil - das gründliche Reinigen der drei Teile des Siphons. Ich bin sehr froh darüber, dass ich mich schon vor Jahren für einen Badreiniger entschieden habe, der meinem Geruchssinn schmeichelt. Zusammen mit der alten Zahnbürste kommt er nun zum Einsatz. Rohre innen einsprühen, schrubben, spülen. Kontrollieren. Einsprühen, schrubben, spülen. Ups, ein Dichtungsring. Beinahe wäre er im Eimer gelandet. Das wäre was geworden. Ein undichter Waschbeckenabfluss ist eine Horrorvorstellung.

Warum ist da eigentlich Sand im unteren Teil des Siphons? Ach ja, meine Vormieter hatten Kinder. Gepaart mit Haaren oder was auch immer das ist, was da so einen starken Zusammenhalt produziert, in dunkelgrau aber immer noch geruchsneutral, wandert der Schmodder in den Eimer und dann in die Toilette. Der Siphon sieht innen und außen gut aus. Aber was ist mit der Muffe, die aus der Wand ragt? Da hängt was raus, so etwas dunkelgrau verfilztes, ekliges. Noch einmal kommt die Zahnbürste zum Einsatz. Ist schon praktisch so ein Tipp aus dem Internet. Die Bürste landet nämlich gleich einfach im Müll, wie die Handschuhe.

Ein letztes Mal das Eimerchen leeren und dann den Siphon wieder montieren. Nicht zu fest verschrauben und den Dichtungsring nicht vergessen! Testweise das Wasser laufen lassen. Alles gut. Alles dicht. Das wäre geschafft und der Abfluss von meinem Waschbecken ist so sauber, dass man durch ihn bis auf die Straße gucken kann.

Jetzt muss ich nur noch eine halbe Stunde Toilette, Boden und Waschbecken putzen, den durchtränkten Teppich beiseite räumen, meine nassen Kleider ausziehen und mich selbst reinigen. Der Wäscheständer nimmt auf, was eben noch an mir hing. Morgen wird die Waschmaschine laufen. Heute habe ich nur mal eben schnell den Abfluss gereinigt.

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