Sonntag, 17. April 2022
Die vergessene Kammer
Sie lässt sich nicht öffnen. So sehr Du auch an der Tür ruckelst, rüttelst und ziehst, sie geht nicht auf. Du willst schon aufgeben, da fällt Dein Blick auf das Schloss. Es steckt ein Schlüssel darin. Ein alter, verzierter. Peinlich berührt greifst Du danach und drehst den Schlüssel im Schloss.

Verwundert stellst Du fest, dass er sich ganz leicht drehen lässt. Doch die Tür lässt sich noch immer nicht öffnen. Mit aller Kraft ziehst Du sie an der Klinke zu Dir und endlich, mit einem Ruck, geht sie auf. Ein Schwall Dinge fällt Dir entgegen. Staub liegt in der Luft und auf ein kräftiges Niesen folgt ein Hustenanfall. Auf dem Boden vor Dir liegen Dinge und versperren den Weg in die Kammer. Alte Fotos, Aktenordner, Spielzeuge, Souvenirs aus früheren Tagen.

Du schiebst sie mit dem Fuß beiseite, öffnest die Tür zur Gänze und betrittst einen kleinen Raum, kaum größer als eine Duschkabine. An drei Seiten bekleiden Regale vom Boden bis zur Decke die Wände. Es ist dunkel in dieser kleinen Kammer. Du tastest nach dem Lichtschalter, der sich in der Nähe der Tür befinden müsste. Meine Güte, wie lange Du schon nicht hier warst. Du greifst durch Spinnweben, tastend, suchend und entdeckst endlich den Schalter. Flackernd eröffnet Dir ein spärliches Licht den Blick im Raum.

Staub bedeckt den Großteil der Dinge in den Regalen, die übervoll angefüllt sind. Spinnweben überziehen das, was hier aufbewahrt wird. Noch mehr Erinnerungsstücke sind hier versammelt. In einem einzigen, ungeordneten Chaos. In die Regale gestopft, wie sie gerade kamen. Bücher, Tagebücher, Ordner. Fotos und Fotoalben. Eine Kamera. Alltagsgegenstände und kleine Kostbarkeiten aus einer anderen Zeit.

Mit einem Mal wird Dir ganz seltsam zumute. Erst durchläuft es Dich heiß, dann steigt ein kalter Schauer Deinen Rücken hinauf. Du erinnerst Dich. Irgendwo in diesem grenzenlosen Durcheinander muss es sein. Diese eine kleine Kostbarkeit, die Du vor so vielen Jahren hier hinein geworfen hast. Sie war Dir wichtig und Du wolltest sie sicher verwahrt wissen. Wie konntest Du sie nur vergessen. Diese kleine, blaue Schachtel mit dem unbezahlbaren Inhalt.

Unruhig schweift Dein Blick über die Regale vor, neben und hinter Dir. Von oben bis unten suchst Du sie ab, doch Du siehst nur ein wildes Durcheinander von gestapelten Dingen. Von achtlos hinein geworfenen Sachen. Das Verlangen, das sich in Deinem ganzen Sein ausbreitet und antreibt, das Verlorene wiederzufinden, wird begleitet von einer starken Unruhe in Deinem Innersten.

Eine Art Wahnsinn packt Dich, als Du beginnst, die Regale mit beiden Händen und Armen auszufegen. Polternd fällt zu Boden, was Du hier angesammelt hast. Du stehst in einem Berg von Erinnerungen. Schöne, schwere, leichte, traurige, freudige Andenken an das, was war. Was Dich ausmacht. Was Dich geprägt hat. Was Dich beschämt oder erfüllt hat. All das hast Du in dieser kleinen Kammer abgelegt. Vielleicht, um es eines Tages zu sortieren. Vielleicht, um eines Tages Ordnung in Dein Leben zu bringen und mit dem aufzuräumen, was Dir unangenehm war und hier gelandet ist.

Doch jetzt ist dieses Viele zu viel für Dich. Dein Körper schafft, was du nicht zu packen bereit warst und zwingt Dich zu Boden. Schluchzend findest Du Dich zwischen all den Dingen wieder, die sich zuvor in den Regalen an den Wänden stapelten. Sie umgeben Dich, begrenzen Dich, schränken Dich ein. Und diese eine kleine Kostbarkeit ist zwischen all Deinen Tränen nirgendwo zu entdecken.

Dir wird klar, dass es nur einen Weg gibt, sie wiederzufinden. Du musst Ordnung in das Durcheinander bringen. Drei Wände mit Regalen, drei Kategorien Deines Lebens: Das Schöne, Wahre, Gute; das Traurige und Schmerzhafte; das Unerledigte, das nicht akzeptierte Schwere. So willst Du sie sortieren, die Dinge. Und nebenbei vielleicht das Eine oder Andere endgültig entsorgen.

Langsam und mühevoll geht dieser Prozess voran. Leicht ist es nicht, all Deine Erinnerungen noch einmal wach zu rufen. Sehnsucht und verpasste Gelegenheiten, nicht wahrgenommene Alternativen und Möglichkeiten, aber auch wunderschöne Momente und erfüllendes Glück nimmst Du in Deine Hände. Du begreifst es neu. Und während Du die Dinge in die drei Regale einsortierst, wird Dir mit jedem Gegenstand bewusster, dass die Dinge sind, wie sie sind. Da gibt es nichts zu bewerten, nichts zu verurteilen. Du hast alles immer nach bestem Wissen und Gewissen getan, gedacht, gefühlt, gemacht. Jetzt verstehst Du, dass es nichts zu bereuen gibt. Dass Du der Mensch, der Du bist, nur werden konntest, weil Du all das erlebt, erfahren und gelernt hast. Du bist die Summe Deiner Geschichte und mehr.

Endlich ist alles neu sortiert. Der Staub beseitigt. Die Spinnweben entfernt. Selbst die Dinge vor der Tür hast Du aufgelesen und einsortiert. Nun sitzt Du da am Boden und vor Dir liegt einzig und allein eine kleine, blaue Schachtel. Als Du sie öffnest strahlt Dir ein Licht entgegen, das den ganzen Raum erhellt. Dein Herz füllt sich mit Liebe. Mit einer Liebe und Dankbarkeit, für die es keine Worte gibt. Glückselig nimmst Du das Kleinod aus der Schachtel. Nimmst es an Dich, um es nie wieder zu verlieren. In Dir breitet sich Stille aus. In Dir ist Frieden eingekehrt.

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