Montag, 11. April 2022
Begegnung im Dunkeln
Wenn dein Körper langsam in Bewegung gerät und du um dich herum eine leise Wärme spürst, ist es Zeit, aufzuwachen. Du reckst dich, streckst dich, entrollst dich in ganzer Länge und machst dich auf den Weg.

Das erste Futter des Jahres liegt außerhalb deiner Wohnhöhle und du stellst fest, dass sich der Boden um dich herum in den Monaten der Winterstarre verändert hat. Er ist feuchter als im vergangenen Herbst. Das macht es dir ein wenig leichter, dich voran zu bewegen.

Klebrig geht es voran. Klebrig und schleimig. Es kostet dich Kraft, dich so ganz ohne Nahrung durch das Erdreich zu bohren, denn vor dir hat sich der Boden verdichtet und du spürst mit jeder Zelle deiner Haut, dass dich etwas Hartes, Undurchdringliches umgibt.

Plötzlich stößt du gegen einen Stein und dein vorderes Körperende erschrickt. Du zuckst zusammen. So verkürzt legst du den Rückwärtsgang ein, versuchst an anderer Stelle vorwärts zu kommen. Doch irgendwas ist anders. Du verstehst es noch nicht, denn du spürst die Nahrung, die dich umgibt übergenau.

Jedes kleinste Pflanzenteilchen, ja sogar Bakterien und Pilzsporen kann deine Haut nun unterscheiden. Vorsichtig durchwanderst du den Boden, der dir Nahrung, Halt und Wohnstatt gibt und lauschst nach draußen. Doch da ist nichts. Kein Laut dringt zu dir herab.

Das Erdreich um dich herum wird immer feuchter. Nass. So sehr kannst du dich doch gar nicht verlaufen haben, dass du in sumpfiges Gelände abgeglitten bist. Nur ein starker Regen vermag dieses schwere Gefühl auszulösen. Warum hörst du ihn nicht?

Langsam, sehr langsam, schiebst du dich voran. Immer mehr Nässe umgibt dich und du weißt aus Erfahrung, dass ein starker Schauer nötig ist, um eine derartige Situation hervorzurufen.

In deinen Gedanken steigt Verzweiflung auf. Wenn du das Fallen der Regentropfen nicht mehr hören kannst, wirst du auch IHN nicht hören. Deinen ärgsten Feind. Den, der dir nach dem Leben trachtet.

Doch du musst fressen. Musst Vorräte anlegen und Keimlinge und Blätter zu dir herab ins Erdreich ziehen, willst du nicht Hungers sterben.

Die Schrecksekunde ist vorbei. Du gräbst dich weiter voran. Spürst jeden Krümel, jedes einzellige Wesen dieses Bodens und weißt, dass du mit jedem Meter vorwärts Nahrung in dich aufnimmst. EINEN wirst du erst ertasten, wenn es zu spät ist. Dieser Eine wird dein Schicksal besiegeln. Du weißt nicht wann, du weißt nicht wo. Doch die Zeit wird kommen.

Bis dahin bleibt dir nur, dich vorsichtig tastend durch Kompost und Böden zu bewegen und darauf zu vertrauen, dass du Wege finden wirst, die vor dir liegenden Jahre ohne Gehör zu bestehen. Vielleicht, ganz vielleicht, lernst du mit der Zeit die Botenstoffe deines Feindes rechtzeitig zu erkennen und wirst fähig sein, einen großen Bogen um jeden Maulwurfsbau zu machen.

Gib dich nicht auf. Lerne und achte dein neues Talent.

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