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Mittwoch, 13. April 2022
Nebenan
Sie sitzt da mit steinerner Miene. Die Lippen fest aufeinander gepresst, der Blick kalt auf die Frau gerichtet, die gerade das Haus betreten will. Ihr Mund öffnet sich und heraus kommt ein Schreien, das sich selbst überschlägt: "Du alte Drecksau! Geh dahin, wo du hergekommen bist!"

Die so Angeschriene durchfährt ein kaum sichtbares Zucken. Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet die Haustür und schlüpft hindurch. Hinter ihr fällt die Tür zu.

Die Alte mit der kreischenden Stimme wendet sich ihrer Sitznachbarin zu, einer übergewichtigen Frau mit winzigem, weißen Hund: "Die gehört doch in die Psychiatrie!" Die Dicke nickt. "Wenn die Anner sie nicht rausgeholt hätte ..." Erneut ein zustimmendes Nicken der Frau mit Hund. Dann Schweigen.

Nach einer kurzen Weile öffnet die Alte wieder den Mund. Zuerst ist es nur ein Flüstern. Doch das Thema hat sie gepackt und langsam steigert sie sich hinein. Die Stimme wird lauter, keifend. Es geht um die Drecksausländer. Das Pack, das hier Allen alles wegnimmt. Kein Geld für Rente, aber denen wird alles bezahlt. Alles! Die Alte kriegt sich kaum noch ein. Die Dicke wirft ab und an ein zustimmendes "Da haste Recht" in die Hasstirade.

Ein Nachbar kommt aus dem Haus. Gesellt sich zu den Beiden, die auf der Bank neben der Eingangstür hocken. Seinen unverfänglichen Gruß durchbricht die Alte mit einem Schwall böser Worte über das Unrecht, das ihr und uns widerfährt. "Wir hatten damals auch nix. Die sollen in ihr Land gehen und des aufbauen."

Plötzlich wechselt sie das Thema und zieht über die andere Nachbarin her, die so viel Müll produziert, weil sie als einzige mit zwei Personen in einer Wohnung lebt. "Die sollte mehr bezahlen." Überhaupt ist sie nicht gut auf diese Frau zu sprechen, denn das ist eine von denen, die den Scheiß von der Tafel fressen. Wie die Anner, mit ihrem Drecksbalg, der Missgeburt, die auch mal hier gewohnt hat. Damals, in der Flüchtlingswelle.

Die Frau, die in die Psychiatrie gehört, ist übrigens stinkefaul. Und die Freundin des Sohnes der Alten ist ein Dusseltier: "Da kommt se wieder, die dumm' Nuss!" Die so Betitelte nähert sich, grüßt und geht ins Haus. Verfolgt von einem Flüstern.

Der Nachbar ist inzwischen seiner Wege gegangen. Eine andere Nachbarin hat sich dazu gesellt und auf dem Stuhl neben der Bank Platz genommen. Die Stimme wird lauter: "... dann kriegt se von mir eine geknallt!" Wen hat sie jetzt auf dem Kieker? Die Frau mit dem alten Hund, die vier mal am Tag mit dem Aufzug hoch und runter fährt, um Gassi zu gehen? Möglicherweise geht es aber auch um die Frau, die schwer, schwer Probleme hat und dauernd auf den Friedhof rennt.

Auf einmal fällt ihr ein, was ihr der Sohn, der mal irgendwann irgendwas von einem Neger gelernt hat, kürzlich zugetragen hat. Der Flüchtling, der früher hier gewohnt hat, verbreitet im Ort, das in diesem Haus unsoziale Menschen leben. Ein Flüchtling! Das Arschloch.

Die andere Alte, die schon sehr gebrechlich ist, ist eine Trinkerin und wahrscheinlich nur deswegen damals gestürzt. Da kann sie sagen, was sie will. Und die, aus deren Wohnung es die letzte Zeit immer so gestunken hat, hat schon wieder gelogen. Gemeinsam mit ihrer Sitznachbarin auf der Bank rechnet die Alte nach, wieviele Tabletten deren Hund genommen hat und stellt fest, dass da noch kein neues Rezept nötig gewesen wäre.

Die kleine Frau, die auf dem Stuhl Platz genommen hatte, nickt alles ab, was die Alte von sich gibt. Die Dicke daneben bestärkt sie in ihren Ansichten, Vorurteilen und Tiraden mit ergänzenden Worten.

Bis in die Abenddämmerung sitzen sie vor der Tür. Lassen kein gutes Haar an jedem, der vorbei kommt, hier einmal gewohnt hat oder im Haus lebt. Erst als es zu dunkel wird, packen sie ihre Sachen zusammen und verschwinden nach oben. Bis morgen. Dann geht das Gezeter, das Schimpfen und Hassen von vorne los.

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