Sonntag, 10. April 2022
Fliegeralarm
Letzte Nacht hast Du Stunde um Stunde vertrödelt, weil Du nicht schlafen wolltest. Hast stumpfsinnig in die Glotze geschaut. Hast nebenbei gegessen, getrunken, irgendetwas Unsinniges aus Wolle fabriziert. Du warst auf Überlebensmodus geschaltet. Nichts denken. Nichts besonderes fühlen. Einfach irgendwie sein.

Die Nacht war still, da draußen. Bis auf die Fahrgeräusche der Autobahn kein Laut. Nord-Ostwind.

Am Abend hatte Dich das Thema Krieg in der Ukraine beschäftigt. Dein Kopf wollte leer werden. Leer sein. Das klappte ganz gut. Bis um ein Uhr. Da nähert sich mit dem Nord-Ostwind der Lärm von Motoren in der Luft. Ein Hubschrauber? Ein kleines Motorflugzeug?

Das Dröhnen wird lauter. Die Leere in Deinem Kopf weicht einem Schwarm ungreifbarer Gedanken. Dein Herz beginnt schneller zu klopfen. Der Flieger erreicht das Haus. Dir schießt durch den Kopf, dass so gut wie nie eine Maschine übers Haus fliegt. Schon gar nicht in der Nacht um Eins. Ist das ein Angriff? Werden nun auch hier, mitten in Deutschland, Bomben abgeworfen werden? Was macht der Flieger um diese Zeit hier in der Luft?

Vielleicht gab es einen Unfall auf der Autobahn und der Rettungshubschrauber eilt herbei. Während eine diffuse Angst in Dir aufsteigt, suchen Deine Gedanken weiter nach Erklärungen. Jetzt stoppen die Fluggeräusche. Nicht weit entfernt muss die Maschine gelandet sein. Ruhe. Für fünfzehn Minuten. Auch in Deinem Kopf.

Dann dröhnt es wieder in der Luft. Zurück in die andere Richtung. Schneller als auf dem Weg hin über Dein Haus verschwinden die Geräusche in der Nacht. Dein Puls beruhigt sich zögerlich. Neue Gedanken durchschießen Dein Gehirn und plötzlich steigt eine Erkenntnis herauf, die Dir Unbehagen bereitet. Dieser Zipfel eines Gedankens möchte erfasst werden. Will zu Ende gedacht, in seiner ganzen Mächtigkeit gefühlt werden.

Du weigerst dich. Zuerst. Doch jetzt tauchen Bilder vor Deinem geistigen Auge auf. Du siehst Deine Mutter, wie sie in den blauen Himmel schaut. Den Flugzeugen hinterher. Sie kennt jedes Modell. Jede Fluglinie. Ja, sie weiß von einigen Passagiermaschinen sogar woher sie kommen. Die 15-Uhr-Maschine aus Moskau. Die 13-Uhr-Maschine aus Gran Canaria. Du hast ihr wegen dieser Obsession sogar mal ein Flugzeug-Quartett zum Geburtstag geschenkt. Damals, als es noch kein Internet gab.

Deine Mutter war acht Jahre alt, als der Krieg beginnt. Bald werfen kleine, zweimotorige Flugzeuge Bomben über ihrem Heimatort ab. Jede Nacht Fliegeralarm. Dröhnende Motoren, die sich langsam nähern. Maschinen, die ihre zerstörerische Fracht abwerfen und Menschen töten. Deine Mutter ist neun Jahre alt.

Mit Fünfzig lebt sie in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. Sie kennt jedes Modell, das ihren Himmel kreuzt. Sie hat dem Schrecken ihrer Kindheit etwas entgegen gesetzt. Bei dieser Erkenntnis stockt Dir der Atem. Für einen kurzen Augenblick ist es, als wäre die Angst Deiner Mutter, in Deine Gene geschrieben, wieder erwacht. Grauen erfüllt Dich. Du bist neun Jahre alt und im Krieg.

Die flimmernden Bilder des Fernsehers holen Dich zurück in die Gegenwart. Der Krieg in Deinem Inneren flacht mit jedem bewussten Atemzug ab. Du bist in Sicherheit.

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